November 2008
"Psychogeographie": Vortrag von Marlene Rigler, Vetriebsmanagerin und Kuratorin von ARGOS, Centre for Art and Media, Brüssel

Mittwoch, 12. November 2008, 19 Uhr im Auditorium des Kunstmuseum Bonn
Argos präsentiert eine Auswahl aktueller Videokunst aus Belgien, die sich im Grenzbereich zwischen Kunst, Architektur, Geographie und Psychologie bewegt:
Als Psychogeographie wird die experimentelle Untersuchung der architektonischen oder geographischen Umgebung im Hinblick auf ihre Einflüsse auf Wahrnehmung, psychisches Erleben und daraus resultierendes Verhalten bezeichnet. Die psychogeographische Forschung wurde zunächst von den Situationisten praktiziert. Sie findet an der Schnittstelle der Gebiete Kunst, Architektur, Geographie und Psychologie statt und ist nicht, wie man fälschlicherweise annehmen könnte, eine Spielart der postmodernen Geographie, sondern Ausgangspunkt einer Analyse gegenwärtiger terriorialer und urbaner Kontexte. Dementsprechend beginnt eine psychogeographische Erforschung immer mit der Herstellung einer Verknüpfung zwischen einem realen (Stadt)raum und einer möglichen, imaginären Raumsituation. Das von Argos in Bonn präsentierte Videoprogramm vereint Werke von sechs belgischen Künstlern, die sich psychogeographischer Verfahren bedienen: Erki de Vries verändert einen leeren Galerieraum mittels mobiler Wände; Herman Asselberghs schafft eine psychogeographische Verbindung zwischen dem gläsernen Lesesaal einer Bibliothek und dem uns ständig umgebenden, medialen Raum. Hans op de Beeck gelingt dasselbe durch Überblendung einer Gartenlandschaft aus dem 19. Jahrhundert mit Ruinen aus dem ersten Weltkrieg. In Afrika bewegt sich Vincent Meessen im Konfliktfeld zwischen archeologischen Resten und der Entwicklung eines potenziellen Stadtraumes. In Peter Downsbrough´s Bildern urbaner Industrielandschaften spiegelt sich die Verbindung zwischen realem und mentalem Raum.
Im Rahmen des Vortrags werden folgende Arbeiten präsentiert:
-"Performing space" (2004, Schwarz-weiss, 3'09") von ERKI DE VRIES
-"Set-ting" (2003, schwarz-weiss, Ton, 4'19" von PETER DOWNSBROUGH
-"Altogether" (2008, Farbe, Ton, 15') von HERMANN ASSELBERGHS
-"Loss "(2004, schwarz-weiss, Ton, 11') von HANS OP DE BEECK
-"N12'13.062'/ W 001'32.619' Extended" (2005, Farbe, Ton, 8'25") von VINCENT MEESSEN
-"Inch-Allah" (2005, Farbe, 18'40") von RIA PACQUEE
ERKI DE VRIES

Performing space
(2004, Schwarz-weiss, 3'09")
Diese Videoarbeit entstand anlässlich eines Performancefestivals in der Galerie Jan Colle in Gent. Auf eine raumhohe Leinwand projiziert, erzeugt sie als Installation die Illusion eines erweiterten -oder sich spiegelnden- Raumes, dessen reale Ausdehnung auf diese Weise eine mediale Verlängerung findet. Dr Künstler stellt hier die Frage nach der physisch nachweisbaren Existenz des Raumes "oder ist dieser bloss arbiträr, gewissermassen ein Produkt unserer Vorstellung".
PETER DOWNSBROUGH

Set-ting
(2003, schwarz-weiss, Ton, 4'19")
Gefilmt wurde in einem der Wolkenkratzer des Pariser Geschäftsviertels "La Defense". Die Kamera zeigt einen leeren Sitzungssaal und gleitet in beherrschten Travellings über die sich darbietende Raumsituation, bis sich binäre Beziehungssituationen ablesen lassen: innen und aussen, horizontal und vertikal, hell und dunkel, reale Bauten und deren auf der Glasfassade gespiegeltes Abbild. Der Film ist mit einer fragmentarischen Tonspur unterlegt, auf welcher Zahlen abwechselnd in Englisch und Französisch aufgesagt werden.
HERMANN ASSELBERGHS

Altogether
(2008, Farbe, Ton, 15')
"Die Zukunft ist düster, und das ist ganz allgemein das Beste, was man von ihr überhaupt sagen kann."
Ausgehend von diesem Zitat, steht Asselberghs Video völlig unter dem Eindruck der ideologischen Sackgasse, in die sich die Post 68-er Generation hineinmanövriert hat. Die symbolische Präsenz von Flaggen und historischen Denkmälern sowie die Aufrechterhaltung des Konzepts nationaler Hauptstädte erweist sich heute als fragwürdig und in näherer Zukufnft vielleicht sogar als gänzlich hinfällig. Die Formensprache des Filmes unterstreicht dies deutlich: fragmenthafte, assoziative Schwarz-weiss-Bilder, in denen sich Umrisse einer Stadtlandschaft erkennen lassen. Die Aufnahmen entstanden in Brüssel, aber anstatt konkret zuordnebarer Orte zeigt der Film abstrakte Umrisse, die einen negativen Raum entstehen lassen. Der Film steuert unbeirrbar auf seinen Höhepunkt zu, den Zusammenbruch des Sichtbaren. Die unsichere und zuweilen düstere Zukunft ist in den Bildern schon vorweggenommen.
SHELLY SILVER

What I´m looking for
(2004, Farbe, in englischer Sprache, 15")
Eine Frau setzt es sich zum Ziel, intime Momente photographisch festzuhalten. Auf einer Internet-Dating Seite veröffentlicht sie ein Inserat : "Ich suche Menschen, die bereit sind, etwas von sich preiszugeben und sich von mir in der Öffentlichkeit fotografieren zu lassen..."
Die Videoarbeit "What I´m looking for" dokumentiert dieses Projekt und die dabei entstehenden Beziehungen, an der Grenze zwischen virtuellem und öffentlichem Raum. Der Film ist eine Studie über Fotografie und gleichzeitig die Geschichte von Sehnsucht und deren Beherrschung.
HANS OP DE BEECK

Loss
(2004, schwarz-weiss, Ton, 11')
Hans op de Beecks Werke sind vom Eindruck der Leere dominiert. Sprachlose Figuren bewegen sich durch verwüstete Landschaften, bar jeder Hoffnung. Bilder einer Welt, die vom Eindruck der Bitterkeit und des Verlustes geprägt ist. Oft sind nur vage Spuren menschlicher Gegenwart erkennbar. "Loss" zeigt ein virtuelles Fenster, an dem Gartenlandschaften aus dem späten 19. Jahrhundert vorbeiziehen, die sich langsam in Kriegsruinen aus dem 1. Weltkrieg verwandeln. Die bedrohliche Endzeitstimmung wird durch den Soundtrack des Videos -Wortfetzen, dumpfe, melancholische Laute- noch verstärkt.
VINCENT MEESSEN

N12'13.062'/ W 001'32.619' Extended
(2005, Farbe, Ton, 8'25")
Titel dieses Videos sind die GPS-Koordinaten eines real existierenden Ortes in Afrika. Die Angabe ist zugleich geographisch präzise und abstrakt, da es sich um einen blossen Zahlencode handelt. Zwei Männer durchstreifen eine Wüstenlandschaft, aus derem Sand Mauerreste ragen. Eine archeologische Grabungsstätte oder ein in Entstehung befindlicher Stadtraum - Was hier entsteht, ist das Negativ-Portrait einer (potentiellen) Stadt, das durch Beimengung von Details aus dem Bereich des Fiktiven zu einer metaphorischen Deutung gelangt.
RIA PACQUEE

Inch-Allah
(2005, Farbe, 18' 40")
Ein assoziatives Mosaik aus Bildern und Geräuschen, entlang der Achse Ost-West, von Belgien bis Tunesien, über Frankreich und Israel, nach Marokko und bis in den Jemen. Bilder alltäglichen Lebens, die ebenso von Glauben sprechen ebenso wie von Ruhe und Einkehr. Im Werk der Künstlerin Ria Pacquée beschreibt diese Arbeit einen weiterführenden Entwicklungsschritt gegenüber ihren früheren Arbeiten, in denen sie Menschen auf der Strasse filmte, und nach formalen Gesichtspunkten arrangierte. Aus ihrer Montage entstehen auditive Puzzles, die Licht und Schatteneffekte zu optischen Landschaften vereinen. Es ergibt sich kein eigentliches Gesamtbild, stattdessen behält die Realität ihren fragmenthaften Charakter; unsere jeweilige Wahrnehmung wird durch den Ort, an dem wir uns befinden, durch kulturelle und geographische Gegebenheiten bedingt. Wir nehmen nur Teilaspekte des Ganzen wahr und konstruieren Sinn aus diesen. IN Anlehnung an das "Buch der Fragen" des französischen Philosophen E. Jabès, der von der Künstlerin zitiert wird, geht es für Ria Pacquée nicht so sehr um Dimensionen des "Verstehens" und "Erfassens" von Realität, sondern zunächst um Leben an sich, Einatmen und Ausatmen, das Verhältnis zum "Anderen". Alles andere ist ein Frage momentaner Umstände.



